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Kinderarmes Deutschland - ein dauerhafter Zustand?
Ein Interview mit Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung
 

Deutschland zählt zu den kinderärmsten Ländern der Welt. Jetzt soll das Leben mit Kindern in Deutschland wieder attraktiver werden. Kanzler Schröder machte Familienpolitik zur Chefsache, und die CDU schreibt an einem neuen Familienprogramm. Als Vorbild dienen Modelle aus den europäischen Nachbarländern. Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung erklärt im Interview mit Kirsten Wörnle, was sich dort bewährt hat und was man für höhere Geburtenraten tun kann.

mobile-elternmagazin.de: Die meisten jungen Deutschen wollen Kinder, dennoch wird vergleichsweise wenig Nachwuchs geboren. Wunsch und Realität klaffen auseinander. Was läuft schief?

Steffen Kroehnert: Wir haben viele Voraussetzungen im Kopf, was alles erfüllt sein muss, bevor Kinder kommen. Finanzielle Sicherheit, eine feste Beziehung, eine gewisse berufliche Position. So wird der Kinderwunsch immer weiter aufgeschoben, und mit Ende 30 ist es für die meisten dann zu doch zu spät.

mobile-elternmagazin.de: Wenn wieder mehr Frauen zuhause am Herd bleiben würden, hätten wir auch wieder mehr Nachwuchs. Was sagen Sie zu dieser These?

Steffen Kroehnert: Wir müssen gesellschaftliche Realitäten anerkennen. In allen industriellen Gesellschaften ist zu beobachten, dass Frauen selbstständig sein wollen und ein berufliches Auskommen wünschen. Da lässt sich das Rad nicht einfach zurückdrehen. Außerdem: In Ländern, in denen die traditionelle Hausfrauenehe gelebt wird, gibt es besonders wenig Kinder. In Spanien, Italien und Griechenland ist nur etwa jede zweite Frau erwerbstätig. Diese Länder verzeichnen die geringsten Geburtenraten in Europa. Island, hingegen, wo fast 90 Prozent der 25- bis 59-jährigen Frauen im Beruf stehen, hat die höchste Geburtenrate Europas, 1,99 Kinder pro Frau. Gesellschaften, in denen die neue Rolle der Frauen anerkannt und unterstützt wird, zeichnen sich durch relativ hohe Kinderzahlen aus.

mobile-elternmagazin.de: In den alten Bundesländern gibt es gerade mal für 2,7 Prozent der unter Dreijährigen Betreuungsangebote. Familienministerin Renate Schmidt will jetzt viel mehr Kitas, Tagesmütter und -väter für die Kleinsten. Ist das die Lösung für den Geburtenmangel?

Steffen Kroehnert: Der europäische Vergleich zeigt, dass eine solche Infrastruktur notwendig ist, wenngleich keine hinreichende Voraussetzung. Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen der Zahl der Kinder pro Frau und dem Angebot an Betreuungsmöglichkeiten für unter Dreijährige. In Deutschland müssen Mütter ihre Berufstätigkeit offensichtlich stark einschränken oder gar aufgeben, bis ihr Kind drei Jahre alt ist. Das bedeutet besonders für Frauen mit hohen Qualifikationen einen beruflichen Abstieg. In vergleichsweise kinderreichen Ländern wie Frankreich besuchen 29 Prozent, in Schweden 48 Prozent und in Dänemark 64 Prozent aller Kinder unter drei Jahren eine Kindertagesstätte. Allerdings reicht ein gutes Angebot an Betreuung allein nicht aus. Wir brauchen auch eine gesellschaftliche Akzeptanz der außerfamiliären Betreuung von Kindern.

mobile-elternmagazin.de: In Deutschland fühlen sich Mütter, die zu Hause bleiben, oft als "Nur-Hausfrau" abgewertet. Berufstätige Mütter haben den Makel der "Rabenmütter". Woher kommen diese Bilder?

Steffen Kroehnert: Deutschland hat schon lange das Familienbild vom männlichen Ernährer und der Frau am Herd. Es kam aus der bürgerlichen Schicht. Proletarische Frauen mussten arbeiten, im Gegensatz zu den Bürgerinnen. Das Bürgertum konnte es sich leisten, dass die Frauen zu Hause blieben. Das war ein großes Vorbild in Deutschland und zog sich über alle Brüche in der deutschen Geschichte bis in die fünfziger Jahre fort. In den Siebzigern versprach das traditionellen Familienleben eine Entlastung des Arbeitsmarktes. Grundsätzlich war es verpönt, über Bevölkerungspolitik zu diskutieren. Kinderkriegen galt als Privatsache. Und solche gesellschaftlichen Strukturen formen über lange Zeiträume hinweg auch die Werte der Menschen. Deutschland nimmt erst allmählich wahr, welchen Wert Kinder und erwerbstätige Frauen für die Gesellschaft haben.

mobile-elternmagazin.de: Frankreich wird derzeit gerne als Beispiel für eine wirksame Bevölkerungspolitik gebracht. Was machen die Franzosen anders?

Steffen Kroehnert: Frankreich hat eine lange Tradition der Geburtenförderung. Bereits seit dem Code de la famille im Jahr 1939 ist dort eine möglichst hohe Kinderzahl ein zentrales und selbstverständliches Ziel der Familienpolitik. Seit den 1970er Jahren fördert Frankreich ganz gezielt die Vereinbarkeit von Kindererziehung und Berufstätigkeit von Frauen. Deutschland setzt dagegen bis heute auf das "männliche Ernährermodell", sprich, der Mann verdient, die Frau bleibt zuhause. Im Laufe der Jahrzehnte prägen solche Modelle die gesellschaftliche Einstellung zur Familie und den individuellen Kinderwunsch. Die Meinung, dass eine berufstätige Mutter den Kindern schade, hat in Deutschland eine lange Tradition. In Frankreich ist es hingegen normal, dass Mütter erwerbstätig sind und auch Frauen in Führungspositionen Kinder haben. In Frankreich beklagen manche sogar schon einen regelrechten gesellschaftlichen Druck, Kinder schon im ersten Lebensjahr in eine Kinderkrippe zu geben. Aber die Geschichte hat den Franzosen Recht gegeben. Sie haben wesentlich mehr Kinder als die Deutschen. Das Modell scheint mehrheitlich den Wünschen der Menschen besser zu entsprechen.

mobile-elternmagazin.de: Als Musterschüler für Familienpolitik wird immer mal wieder Schweden genannt. Was machen die Skandinavier so gut?

Steffen Kroehnert: Schweden tut viel für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, das Land hat gute Betreuungsangebote. Und es setzt auf die Beteiligung von Vätern. Die Erziehungszeit ist auch von den männlichen Partnern zu nehmen, sonst verfällt sie. In Schweden nehmen sich 14 Prozent der Väter Zeit für ihre Kleinkinder, in Deutschland zwei Prozent. Ziel der schwedischen Familienpolitik ist es, starre Geschlechterrollen aufzubrechen. Das scheint die Entscheidung für Kinder zu erleichtern, wenn man nicht allein ist.

mobile-elternmagazin.de: Deutschland hat in der Vergangenheit besonders viel für Familien ausgegeben und ist dennoch kinderarm. Was läuft falsch?

Steffen Kroehnert: Nirgendwo in Europa wird das Modell "allein verdienender Familienvater und nichterwerbstätige Ehefrau" so stark steuerlich begünstigt wie hier. Beim Ehegattensplitting ist die Steuerersparnis umso höher, je größer die Einkommensdifferenz zwischen den Partnern ist. Am besten, die Ehefrau verdient gar nichts. So fördert das Steuersystem den Rückzug aus dem Erwerbsleben. Kinderreiche Länder, etwa die Skandinavier, setzen indes auf zwei Einkommen. Und statt viel Geld für Erziehungszeiten und Kindergeld auszugeben, investieren sie mehr in Dienstleistungen, die beiden Elternteilen den Weg in den Beruf ermöglichen. Genau diese Leistungen scheinen sich positiv auf die Kinderzahlen auszuwirken. Wir müssen also künftig auf zwei Einkommen setzen und das Steuersystem zugunsten von Familien reformieren. Als Besteuerungsgrundlage sollte einzig die Zahl der Kinder herangezogen werden und nicht der Status der Partnerschaft.

mobile-elternmagazin.de: Diskutiert wird gerade, ob man jungen Eltern ein Jahr lang eine vergleichsweise hohe Summe zahlt oder sie weiter über längere Zeit fördert. Was wäre Ihrer Meinung nach sinnvoll?

Steffen Kroehnert: Junge Paare, die ein Kind bekommen, scheinen heute den Wunsch zu verspüren, dass sich ein Partner kurzzeitig zurückzieht und dann in den Beruf zurückkehrt. Es wäre klug, für ein Jahr eine Lohnersatzleistung zu zahlen und vor allem keine widersprüchlichen Anreize setzen. Wenn man zwei Jahre, drei Jahre aussetzen kann, dann läuft man Gefahr, dass sich gesellschaftlicher Druck aufbaut: "Du musst doch nicht arbeiten." Einen ähnlichen Druck gab es bei der Frühverrentung - "du musst doch nicht, du nimmst anderen Arbeit weg". Wir brauchen in der Familienpolitik eindeutige Anreize.




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